Selbstsabotage: Wenn deine Stärke dir im Weg steht
- M Rohrbach
- 10. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Warum uns manchmal nicht unsere Schwächen blockieren, sondern unsere übernutzten Stärken – und wie bewusste Selbstführung neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet.
Dieser Gedanke hat mich kürzlich besonders beschäftigt. Er stammt aus einem Gespräch mit Shirzad Chamine, dem Autor von Positive Intelligence.
Die Idee ist einfach – und gleichzeitig sehr kraftvoll: Eine Stärke bleibt nicht automatisch eine Stärke, nur weil sie einmal hilfreich war. Wenn wir sie übernutzen, kann sie kippen.
Leistungsbereitschaft kann zu Überfunktionieren werden. Verantwortungsgefühl kann zu Kontrolle werden. Empathie kann dazu führen, dass wir uns selbst aus dem Blick verlieren.Analytisches Denken kann in Grübeln kippen. Durchhaltevermögen kann bedeuten, dass wir zu lange in Situationen bleiben, die uns nicht guttun. Perfektionismus kann uns davon abhalten, überhaupt ins Handeln zu kommen.
Gerade im beruflichen Kontext werden viele dieser Eigenschaften lange belohnt. Wer zuverlässig ist, bekommt mehr Verantwortung. Wer immer liefert, wird weiter gefragt. Wer empathisch ist, wird zur Anlaufstelle für andere. Wer hohe Ansprüche hat, wird als sorgfältig wahrgenommen.
Das Problem entsteht oft nicht sofort. Es entsteht schleichend.
Irgendwann merken wir vielleicht, dass wir zwar funktionieren, aber innerlich immer angespannter werden. Dass wir viel leisten, aber wenig bei uns selbst ankommen. Dass wir helfen, aber unsere eigenen Grenzen kaum noch spüren. Dass wir nachdenken, analysieren und abwägen – aber keine Entscheidung treffen.
Aus systemischer Sicht ist das spannend: Verhalten entsteht nie im luftleeren Raum. Unsere Muster haben meistens einmal Sinn gemacht. Sie haben uns geholfen, Anerkennung zu bekommen, Sicherheit zu schaffen, Konflikte zu vermeiden oder Kontrolle zurückzugewinnen. Deshalb geht es nicht darum, diese Muster zu verurteilen.
Es geht darum, sie bewusster zu erkennen.
Selbstführung beginnt für mich genau an diesem Punkt: nicht bei der Frage „Was stimmt nicht mit mir?“, sondern bei der Frage „Welche meiner Stärken setze ich gerade so stark ein, dass sie mich begrenzt?“
Diese Perspektive verändert viel. Sie nimmt Druck heraus. Sie macht deutlich: Wir müssen uns nicht neu erfinden. Aber wir dürfen lernen, bewusster zu wählen.
Vielleicht braucht es nicht weniger Ehrgeiz, sondern mehr Pausen. Nicht weniger Empathie, sondern klarere Grenzen. Nicht weniger Verantwortungsgefühl, sondern mehr Vertrauen. Nicht weniger Analyse, sondern den Mut, einen nächsten Schritt zu gehen.
In Beratung und Coaching geht es deshalb oft nicht darum, Menschen etwas völlig Neues beizubringen. Es geht darum, sichtbar zu machen, was bereits wirkt – und ob es in der aktuellen Situation noch hilfreich ist.
Denn eine Stärke ist dann am wirkungsvollsten, wenn wir sie bewusst einsetzen. Nicht automatisch. Nicht aus Angst. Nicht aus innerem Druck. Sondern passend zur Situation, zu unseren Werten und zu dem Menschen, der wir sein möchten.
Vielleicht ist genau das ein wichtiger Schritt von Selbstsabotage zu Selbstführung:
Zu erkennen, dass nicht alles, was uns stark gemacht hat, uns auch weiterhin dienen muss.
Und dass Entwicklung manchmal nicht bedeutet, mehr zu leisten – sondern bewusster mit den eigenen Stärken umzugehen.
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